4.03 Niederalteich, eine Klosterhofmark

An den Bundesautobahnen A 3 und A 92 Passau-Regensburg
und Deggendorf-München zwischen dem Donautal und den Vorbergen
des Bayerischen Waldes liegt Niederalteich. Der Ort, 310 m über
dem Meeresspiegel, zählt heute ca. 1820 Einwohner.
Aufgrund der besonderen Lage und Struktur Niederalteichs
bemühte man sich, den dörflichen Charakter zu erhalten.
Das Dorf erlangte Anerkennung in den Wettbewerben "Unser
Dorf soll schöner werden" und im Rahmen der durchgeführten
Dorferneuerung von 1978 bis 1986.
Die Eigenständigkeit der Gemeinde wurde im Jahre
1986 wiedererlangt. Die Bemühungen um die Wiederaufnahme des Personenfährbetriebes
über die 250 Meter breite Donau, die den Ort im Westen begrenzt,
findet am 17.09.92 einen positiven Abschluss; eine Motorfähre nimmt
den Betrieb auf
Schulen:
Niederalteich hat die Private katholische Abt-Joscio-Schule
mit Hort (1 bis 6), das Musische/Neusprachliche Gymnasium St. Gotthard
der Benediktiner und die katholische Landvolksschule St. Gunther der
Diözesen Passau und Regensburg.
Geschichte:

Mittelpunkt Niederalteichs ist die mächtige Basilika
mit den zwei hoheitsvollen Türmen und der altehrwürdigen Benediktinerabtei
St. Mauritius, die auf der höchsten Erhebung des Ortes stehen.
731 gründete der Bayerische Herzog Odilo das Kloster Niederalteich.
Zu seiner Besiedlung holte er Benediktiner vom Bodensee-Inselkloster
Reichenau, dessen Vorsteher der hl. Pirmin war. Als Klosterstandort
wählten der Herzog und der erfahrene Klostergründer ein bis
dahin völlig unbewohntes Gelände im Mündungsgebiet der
Isar, eine Altwasserlandschaft. Die land- und volksfremden Mönche
mit Abt Eberswind an der Spitze gaben ihrer neuen Heimat den Namen A
l t a h a = Altwasser. Die Gründermönche stellten damals schon
das Kloster unter den Schutz des hl. Mauritius und seiner Gefährten.
(Der thebäische Feldherr war Soldatenheiliger und in alter Zeit
hochverehrt.) Unter den deutschen Kaisern aus dem sächsischen Königshaus
war er Reichspatron.
Neben religiösen Aufgaben hat Herzog Odilo dem
Kloster sicher die Rodung und Kultivierung des mittleren Bayerischen
Waldes zugedacht, was schon der Standort Altachs am Nordufer der Donau
verrät.
Um das neu errichtete Kloster entstand erst im Laufe
der Zeit das Dorf Niederalteich. Zunächst wohnten die Klosterbediensteten
noch innerhalb der Anlage. Allmählich bauten sie ihre Häuschen
außerhalb des Klosterbereichs. Um 1226 soll das Dorf bereits 60
Häuser gezählt haben. Auch im weiteren Verlauf der Geschichte
blieben die Bewohner des Ortes alle Bedienstete des Klosters. Der jeweilige
Prälat übte seit Mitte des 13. Jahrhunderts die niedere Gerichtsbarkeit
über seine Untertanen aus. Bis zur Säkularisation blieb also
Niederalteich eine geschlossene H o f m a r k. Abt Joscio Hamberger
erbaute seinem Hofrichter 1705/06 ein H o f m a r k s r i c h t
e r h a u s, um 5.000 Gulden "allzu vornehm und nach Adel schmeckend".
Dieses äußerst stattliche Gebäude,
das nach der Klosteraufhebung (1803) durch Besitzerwechsel arg verkam,
erwarb 1897 der aus Niederalteich gebürtige Passauer Religionsprofessor
Franz Xaver Knabenbauer. Er gründete in diesem Haus eine Mädchenschule
und später einen Kindergarten. Beide Einrichtungen wurden bis 1970
von den Englischen Fräulein geführt. Heute ist dort die Abt
Joscio Schule untergebracht.
In Niederalteich gab es bis zur Klosteraufhebung keine
größeren selbständigen Bauern. Der Untertan konnte nicht
ohne das Gut und das Gut nicht ohne Untertan veräußert werden.
Der Untertan hatte regelmäßig an den Grundherren Natural-
und Geldabgaben zu leisten. Dazu kamen noch gewisse Hand- und Spanndienste.
Zinstag im Kloster Altaha
"Schau, Vater, schau! Dort drüben
sieht man schon die Türme von Altaha! Oh, sind die aber groß!"
"Ja, ja, ich seh sie schon, Heimwig", beruhigt der Maier
Wigand seien Buben. "Schließlich ist es ja nicht das erste
Mal, dass ich Gilt und Zehnt im Kloster abliefere. Du weißt doch,
jedes Jahr am Palmsonntag und am Mauritiustag fahr ich diesen
Weg. Da schau rüber, was dort so silbern glänzt, ist der große
Donaufluss. Das Kloster ist gar nicht so weit davon weg."
Vater und Sohn fahren auf einem zweiräderigen
Karren von den Waldbergen her Altaha zu. Bleß, das Pferdchen an
der Deichsel, trabt munter talwärts. Früh am Morgen sind sie
aufgebrochen von ihrem Hof in Urpaha. Dort an dem Flüsschen Swarzaha,
bereits in den Bergen des Baierwaldes, sitzt Wigand mit seiner vielköpfigen
Familie seit über zwanzig Jahren auf einer Klosterhufe.
Leicht hat ers am Anfang nicht
gehabt, und manches Jahr hat er den Abt des Klosters bitten müssen,
den Zins zu erlassen. Aber seit einigen Jahren zeigen sich die Früchte
seines Fleißes. Die dem Wald abgerungenen Felder tragen genügend,
und auch das Vieh im Stall steht gut.
Hinten auf dem Karren hat Wigand alles
aufgeladen, was er dem Kloster abzuliefern hat. Peinlich genau ist der
Bruder Verwalter, und in den Klosterbüchern ist alles aufgeschrieben:
ein Sack Korn, ein halber Scheffel Hirse, zwanzig Käslaibe, acht
Hühner, hundert Eier und vier Gänse, je ein Korb Äpfel
und Birnen, zehn Krautköpfe, zwei Eimer Honig und fünf Pfund
Wachs, außerdem noch sieben Bund Flachs.
Vom Kloster klingt feierliches Geläute
herüber. "Hörst du, Vater, die Glocken läuten schon!"
"Ja, aber nicht wegen uns", lacht Wigand, in Altaha läuten
sie den morgigen Festtag ein. Morgen ist Mauritius, und das ist der
Patron des Klosters. Der Mauritiustag wird in Altaha seit jeher groß
gefeiert." "Gelt, Vater", bettelt Helmwig, "das
schauen wir uns morgen an. Ich möchte so gern einmal den hochwürdigen
Abt sehen und die vielen Mönche und die schöne Kirche!"
"Ja, ja, wir bleiben morgen schon noch dort, deinetwegen, Helmwig!"
"Vater", zaghaft kommt es
aus des Buben Mund, "wirst du auch mit dem hochwürdigsten
Herrn Abt reden, ob sie mich in die Klosterschule nehmen, ich möchte
so gern ein Pater oder wenigstens ein Bruder werden!" "Na
ja, die Herren werden mit sich reden lassen. Wenn du ihnen mit deinen
zwölf Jahren nur nicht zu jung bist!" "Aber unser ehrwürdiger
Pater Godehard hat doch gesagt, ich bin groß und gescheit genug!"
"Hm, weiß der liebe Gott, warum der gute Godehard dich so
ins Herz geschlossen hat!"
Zufrieden lehnt sich Helmwig zurück
und seine Gedanken eilen voraus ins Kloster, Ha, wie großartig
es dort ist! Wird er hier einst als Bruder Gärtner, als gelehrter
Klosterschreiber oder gar als Priester am Altar Gott dienen dürfen?
Mit einem Ruck wird Helmwig aus seinen
Träumen gerissen. Vater Wigand hat das Rösslein mit einem
lauten "Brrr!" angehalten. Sie stehen vor der langen Klostermauer.
Durch den weiten Torbogen sieht man ein wenig in den Innenhof . Ein
Springbrunnen plätschert in der Mitte.
"Was ist denn in dem Haus mit den
vielen Fenstern?" fragt der Bub flüsternd den Vater. "Das
sind die Zellen der Mönche", erklärt dieser. Und ob der
weißhaarige Mönch dort, der über den Hof eilt, Abt Urolf
ist, möchte der kleine Bub noch gerne wissen. "Nein, du Neugieriger,
den hochwürdigsten Herrn würdest an dem goldenen Kreuz erkennen,
das er auf der Brust trägt." Helmwig hätte gar zu gerne
noch näher hineingesehen. Aber der Vater zieht ihn mit sich fort.
"Wir müssen dort hinüber zu den Wirtschaftsgebäuden!"
Hinter zwei anderen Bauernwagen fahren sie in einen großen Hof
hinein. "Da siehts aus wie in einem ganz großen Bauernhof,
staunt Helmwig. Linkerhand verraten Rindergebrüll und Schweinegrunzen,
dass hier die Ställe sind. Wigand lenkt sein Gefährt auf die
andere Seite, wo die geräumigen Stadel und Schupfen liegen. "Schau,
dort, den kennst du schon", bedeutet er dem Buben, "der Bruder
Hatto, den Klosterverwalter, er war schon öfters bei uns in Urpaha".
Der wettergebräunte, stämmige Klosterbruder, der dort auf
der Rampe des Stadels steht, ist ein freundlicher Mann, und die Bauern
mögen ihn gern, denn er weiß, wo sie der Schuh drückt.
Neben ihm stehen zwei Knechte in Zwillichkitteln. Sie nehmen in Empfang,
was die Bauern bringen. "Was steht den in dem dicken Buch, aus
dem der Bruder Hatto liest?" will Helmwig wissen. "Darin steht
genau aufgeschrieben, was jeder Schwaiger und Söldner abzuliefern
hat, und dem Kloster gehören ja viele hundert Höfe."
"Zeit lassen, Leute!" ruft
der Verwalter, "einer nach dem andern!" Wohl ein Dutzend Bauern
mit Karren und Wagen hat sich inzwischen angesammelt. Wigand sieht manches
bekannte Gesicht: hier den Kuonrad von Reisaha, einen seiner Nachbarn;
dort winkt Hilpert herüber, der Bruder seiner Frau, der in Swarzaha
eine Viertelhufe hat.
Bruder Hatto liest mit lauter Stimme:
"Wolfram von Isarahofa, eine halbe Hufe, hat abzuliefern: zwei
Scheffel Korn, einen halben Scheffel Brein (Hirse), ein Schock Eier,
zwei Hühner, drei Paar Tauben."
Der Aufgerufene tritt vor und ladet
seine Sachen ab. Der Verwalter nimmt eine Handvoll Getreide und lässt
die Körner durch die Finger rieseln. "Na, mein lieber Wolfram,
du hast ja mehr Kornraden und anderes Unkrautzeug als gutes Korn",
bemerkt er stirnrunzelnd. Der Maier entschuldigt sich unterwürfig:
"Herr, der Hagel hat im Frühsommer die Halme niedergeschlagen
und durch den vielen Regen ist das Unkraut darüber geschossen."
Einige der umstehenden Bauern bestätigen die Aussage. "Na,
ja, ich weiß schon, dass bei euch an der Isar drüben der
Hagel gehaust hat. Der Brein, sehe ich, ist besser. Hast ja auch sonst
immer ehrlich deinen Zins gebracht!" Wigand muss noch eine Zeit
lang warten, vor ihm sind noch fünf oder sechs an der Reihe. Eine
Hand legt sich ihm auf die Schulter. Er fährt herum. Odo steht
vor ihm, der Klosterjäger, den er wie einen Freund schätzt.
Er hat ihm bei so mancher Jagd als Treiber gedient. Odo hat nicht nur
die Aufsicht über die Jagd in den weiten Klosterwaldungen, er ist
auch der beste Zeidler weit und breit. Von den mehreren hundert Bienenvölkern
liefert er alljährlich gewaltige Mengen von Honig und Wachs für
das Kloster.
"Na, Wigand, was machen unsere
liebe Freunde, die Wölfe? Sind sie wieder frech geworden, seit
wir voriges Jahr drei von den Biestern zur Strecke gebracht haben?"
"Nein, Gott sei Dank wir haben sie im letzten Winter nur mehr heulen
gehört. Wir sind Euch zu großem Dank verpflichtet, Odo!"
"Nicht der Rede wert, Wigand, dafür sind wir Jäger ja
da. Übrigens, Mitte Oktober halten wir bei euch drüben wieder
eine große Treibjagd, da brauchen wir ein Dutzend gute Treiber!"
"Dafür sorg ich schon", verspricht Wigand freudig.
Inzwischen waltet Bruder Hatto weiter
seines Amtes. Gerade nimmt er von einem Maier drei Eimer Wein in Empfang.
"Das ist der Weinzierl von Plidmuntinga", erklärt der
Jäger, "er hat an den Hängen zwischen Donau und Isar
ein paar Weinberge. Für die Werktage mag sein Wein noch gehen,
aber sonntags haben wir schon besseren von unseren Gütern in Spitz,
weit drunten an der Donau."
Plötzlich gibt es Aufregung unter
den Leuten. Einige biegen sich vor Lachen. "Oho, Werinher",
schreit einer, "wohin geht denn deine Sau mit dir spazieren?"
Hat doch tatsächlich ein Säulein seinen Herrn mit sich fortgezogen.
Nur mit Mühe können die Knechte den Ausreißer wieder
einfangen. "Da wär' doch bald den hohen Herren der Festtagsbraten
davongelaufen", bemerkt einer. "Fehl geschossen", berichtigt
ihn der Klosterjäger, "solltest eigentlich wissen, dass die
Mönche nach der Regel des heiligen Benedikt kein Fleisch essen.
Nur Fisch ist ihnen erlaubt. Drum habe wir ja auch unsere großen
Fischweiher. Auch in der Donau, in der Swarzaha und in der Ohe gibt
es Fische genug, Hechte, Schleien, Forellen und andere. Fleisch gibt
s nur für das Gesinde, und auch nur an den Festtagen!"
Da gibt es schon wieder etwas Neues
zu sehen. Zwei schwere Wagen, jeder von vier Gäulen gezogen, rumpeln
in den Hof herein. "He, Odo, was bringen denn die?" fragt
Wigand. "Das sind unsere Salzfuhrwerke. Heute ist wieder eine Schiffsladung
angekommen, von Reichenhall her, wo wir zwei Salzbergwerke haben. An
der Anlegestelle, drüben an der Donau, haben sie mittags ausgeladen.
Es ist immer ein wochenlanger Weg, bis das Salz zu uns kommt."
"Wohl auf der Isar herunter?" will ein ganz Gescheiter wissen.
"Nein, mein Lieber, die Salzschiffe fahren über Salzach und
Inn in die Donau; von Passau aus müssen sie von Menschenhand bis
nach Altaha gezogen werden. Eine Heidenarbeit! Aber es lohnt sich!"
Die Knechte haben mittlerweile begonnen, Fässer und Pütschen
voll weißer Scheiben abzuladen und in den Salzstadel zu schaffen.
"Mit diesem vielen Salz reicht ja das Kloster hundert Jahre lang
zum Fleischeinsalzen", meint einer lachend. "Nein", erklärt
Odo, "das meiste wird weiterbefördert. Es rollt auf Wagen
über die Rusel und das Regental nach Böhmen hinein."
Nun ist auch Wigand an die Reihe gekommen,
seinen Zins abzuliefern. Auf das Pfund genau stimmt das Gewicht, und
Bruder Hatto lobt seinen Söldner aus Urpaha. "Viel Glück,
Alter!" verabschiedet sich der Klosterjäger, "und du,
Helmwig, wirst ja bald das jüngste Mönchlein von Altaha sei.
Dann werden wir uns oft genug sehen!"
Und dann, es ist inzwischen schon Abend
geworden, rollt das kleine Gefährt zum Tor hinaus. In der nahen
Klosterschenke kehrt Wigand mit seinem Buben ein. Hier wollen sie über
Nacht bleiben. "Ich glaube, Helmwig, heut haben wir uns das
Nachtessen redlich verdient! Dann aber geht s gleich ins Bett,
denn morgen ist der Mauritiustag!"
Nach der Klosteraufhebung 1803 gingen die Verpflichtungen
der klösterlichen Untertanen an den Staat über, der aber meist
durch seine Beamten viel strenger vorging. In Altbayern mit seinen vielen
Klöstern gab es deshalb keine Aufstände der Bauern. Das Sprichwort
"Unter dem Krummstab ist gut leben" beruhte auf einer langen
Erfahrung.
Mit der wirtschaftlichen Erstarkung hielt auch die
innerklösterliche Entwicklung Schritt. Ein Teil der Mönche
lebte auf Außenposten, da die reichen Schenkungen der Herzöge
zu umsichtiger Wirtschafts- und Verwaltungstätigkeit zwangen. Sie
verstanden sich auch auf feinere Garten- und Handwerkskultur.
Schon sehr früh lässt sich eine Schreibschule
nachweisen, die vor allem zur Heranbildung des Ordensnachwuchses wichtig
war.
Der erste Abt Eberswind gilt als der Verfasser
des ersten Stammesgesetzbuches, der Lex Baiuvariorum.
Im 10. Jahrhundert kam es, bedingt durch die Ungarneinfälle,
zu einem monastischen und wirtschaftlichen Niedergang. Es erfolgte die
Umwandlung in ein Chorherrenstift.
Kurz vor der Jahrtausendwende aber kam Niederalteich
durch die Klosterreform von Cluny zu neuer Blüte.
Gotthard, der 960 in Reichersdorf, Pfarrei Schwanenkirchen,
als Sohn eines Lehensmannes geboren wurde und die Stiftsschule besucht
hatte, wurde Mönch, Priester und Abt in Niederalteich. Er war Kaiser
Heinrich II. freundschaftlich verbunden. Er reformierte selber noch
die Klöster Tegernsee, Hersfeld und Kremsmünster.
Unter seiner tatkräftigen Führung nahm das
Kloster seine alte Rodungsarbeit wieder auf. Er selbst legte Hand an
bei der Anlage des Marktes Hengersberg. Sein Schüler, der hl. G
u n t h e r, ein Grafensohn, gründete das Kloster Rinchnach. Von
hier aus wurde der ganze mittlere Bayerische Wald gerodet. Gunther selbst
erwarb sich große Verdienste um die Anlage eines neuen Verkehrsweges
nach Böhmen und als Friedensstifter zwischen Deutschen und Slawen.
Der heutige Guntherweg im Naturpark Bayerischer Wald,
47 km lang, führt von der Basilika Niederalteich bis nach Zwiesel.
Er soll nun nach Gutwasser in Böhmen, wo Gunther starb, weiter
ausgebaut werden.
Durch die Grenzöffnung in die CSFR hat dieser
bei den Böhmerwäldlern so verehrte Einsiedler wieder neue
Bedeutung gewonnen. (Gunthers missionarische Tätigkeit erstreckte
sich sogar bis nach Ungarn.)
1022 bestimmte Kaiser Heinrich II. seinen Freund, den
tatkräftigen Abt Gotthard, im Alter von 62 Jahren zum Bischof von
Hildesheim. In 16 Jahren erbaute er noch 30 Kirchen und war rastlos
für sein Bistum tätig, vor allem für die Armen und Siechen.
Die Schulbildung lag ihm besonders am Herzen. Deshalb trägt das
Niederalteicher Gymnasium mit Recht seinen Namen.
Gotthard, im Niederdeutschen Godehard, ist der erste
Bayer, der offiziell von der Kirche heilig gesprochen wurde (1131 auf
dem Konzil zu Reims).
In Niederalteich werden von ihm noch sein Abtstab,
sein Rauchmantel, ein Pontifikalschuh und ein Zingulum aufbewahrt. Besonders
verehrt wird er in der Diözese Hildesheim.
Einen weiteren Höhepunkt erlebte Niederalteich
unter der Regierungszeit von Abt H e r m a n n (1242 bis 1273).
Er errichtete zahlreiche Neubauten. Heute erinnern noch die gotischen
Außenmauern des Presbyteriums der Basilika, die Wehrmauer auf
der Südseite und der Mühlbach von Schwarzach nach Niederalteich
an ihn. Er war der Begründer der Brauerei. Seine Stärken lagen
auf dem Gebiet der Verwaltung und Wirtschaft. So schrieb er ein Grundbuch,
das heute noch vorhanden ist.

Abt Joscio H a m b e r g e r ( ) führte
eine letzte große Blütezeit herauf Er erneuerte das ganze
Kloster innen und außen. Sein größtes Werk, das wir
noch heute bestaunen können, ist die Umgestaltung der gotischen
Hallenkirche im Stil des ausgehenden Spätbarocks.
Der Domkapitelbaumeister Jakob Pawagner aus Passau
führte den grandiosen Umbau mit italienischer Beeinflussung klar
und kraftvoll durch. Er umkleidete die gotischen Säulen und zog
in den Seitenschiffen Zwischendecken mit Öffnungen ein. Die Seitenschiffe
weisen jochweise Steinaltäre auf Durch die ovale Gewölbeöffnung
gleitet der Weg vom Leben und Sterben des heiligen auf den Altarblättern
zu den Fresken der Oberkirche mit der Herrlichkeit des Himmels.



Die genialen Schnitzarbeiten des Bruders Pirmin Tobiaschu,
1669 in Hengersberg geboren, sind besonders hervorzuheben. Bereits in
seinen Wanderjahren war sein Können so groß, dass er Beichtstühle
für den Petersdom im Rom anfertigen durfte. Aus seiner Werkstatt
stammen die reichen Holzschnitzereien an den Kirchenstühlen, die
zwei großen Beichtstühle, das Orgelgehäuse, der Muttergottes-
und der Gotthardaltar.

Eine besondere Sehenswürdigkeit sind die großen
Sakristeischränke, die in ihren edlen Formen und vergoldeten geschnitzten
Aufsätzen eine kaum zu übertreffende Leistung des kunstsinnigen
Bruders Pirmin sind. Die Sakristei zählt zu den bedeutendsten an
der bayerischen Donau.
1803 wurde dem einst so mächtigen Kloster, das
in seiner wechselvollen Geschichte Kriegszeiten, Feuersbrünste
und verheerende Überschwemmungen überwunden hatte, endgültig
durch die Säkularisation das Ende bereitet. Großenteils wurden
Gebäude niedergerissen, kostbarste Inneneinrichtungen vernichtet
oder verschleudert.
Erst 1918 konnte das Kloster mit Hilfe eines Vermächtnisses
des Niederalteicher Religionsprofessors Franz Xaver Knabenbauer
(* 1908) von der Abtei Metten wieder besiedelt werden. Knabenbauer gilt
nun als der zweite Stifter der wiedererstandenen Abtei. Seine Gebeine
wurden in den 1982 neuerrichteten Kreuzgang überführt.

1949 wurde die Abtei wieder selbständig unter
Abt Emmanuel Maria Heufelder.
Die zur heute bestehenden Klosteranlage gehörenden
Gebäude, im Viereck angeordnet, sind:
im Süden die Basilika (1), im Westen das lang
gestreckte Internatsgebäude (4), im Norden das ehemalige Brauerei-
und Schreinereigebäude (6), in dem heute die Bibliothek, die Nikolauskapelle
der russisch-orthodoxen Dekanie, sowie das Restaurant "Klosterhof"
untergebracht sind, im Osten schließlich das Konventgebäude
(5), das durch einen Kreuzgang direkt mit der Basilika verbunden
ist.
Parallel zur Basilika verläuft ein Verbindungsbau
(1954 erstellt) zwischen Konventbau und Internatsgebäude.
Im Osten der Klosteranlage befinden sich die landwirtschaftlichen
Gebäude, der Klostergarten und die Gärtnerei, sowie verschiedene
Handwerksbetriebe.
Die Abtei, die derzeit etwa 35 Mönche zählt,
sieht ihre Hauptaufgaben in der Arbeit für die Verständigung
zwischen den getrennten Christen in Ost und West und in der Erziehungsarbeit
in Schule und Internat. Diesen Aufgaben dienen das Ökumenische
Institut (gegenüber dem alten Prälaturflügel, errichtet
1965) und das St. Gotthard-Gymnasium mit musischem und neusprachlichem
Zweig.

In der Byzantinischen Kapelle werden von einer Gruppe
der Niederalteicher Mönche täglich Liturgie und Stundengebet
nach byzantinischem Ritus gefeiert. Die Ortspfarrei Niederalteich wird
durch das Kloster seelsorglich betreut.

Südlich der Basilika hat sich der Konvent der
U r s u l i n e n aus Berlin 1979 in einem neuerrichteten Kloster angesiedelt.
Die einzelnen Schwestern wirken erzieherisch an den verschiedenen Schulen
des Ortes mit. Im Kloster selbst bieten sie Einkehrtage, hauptsächlich
für Mädchen und Frauen, an. Während des ganzen Jahres
können Gäste Ruhe und Erholung suchen und dabei am religiösen
Leben des Konventes teilnehmen.

Weitere historische Gebäude
Das sogenannte D u l l i n g e r h a u s, einst Sommer-
und Gästehaus des Abtes Augustin Ziegler (1764 bis 1775)
wurde zwischen 1989 und 1991 von der Gemeinde mit Unterstützung
staatlicher Stellen und des Denkmalschutzes grundlegend saniert. Dieses
historische Gebäude mit zwei schönen Sälen ist nun Bürgerhaus
geworden.
Links das historische Dullingerhaus, rechts das neu
erbaute Rathaus beide Gebäude sind durch einen Glasbau verbunden.

Das heutige J u g e n d h a u s ist das älteste
Haus Niederalteichs. Abt Joscio Hamberger errichtete es als Armenhaus.
Es ist das einzige erhaltene Holzhaus im Ort.
Quellenangaben:
1. Stadtmüller, Geschichte der Abtei Niederalteich
(1971)
2. Schnell, Kunstführer Nr. 120 (13., neu bearbeitete
Auflage 1991)