10.04 Die Wallfahrtskirche St. Ottilia
in Haunersdorf

In der Gemeinde Otzing, an der äußersten
Westgrenze des Landkreises Deggendorf, liegt die Ortschaft Haunersdorf.
Etwa auf halbem Weg von Otzing nach Wallersdorf grüßt den
Autofahrer linker Hand der barocke Kirchturm der Wallfahrtskirche St.
Ottilia, einem Juwel in Niederbayern. Sie gehört zur Pfarrei St.
Laurentius Otzing.
Baugeschichte:
Mit dem Bau wurde am 14. September 1682 begonnen. Das
Gotteshaus konnte am 10. September 1684 Dechant Reutter aus Plattling
einweihen. Es handelt sich um eine einschiffige Anlage mit einem viergeschossigen
Zwiebelturm.
Die hl. Ottilie, die Blindenheilige:
Sie wurde um 700 im Elsass als Tochter eines Herzogs
geboren. Wegen ihrer angeborenen Blindheit verstieß sie ihr enttäuschter
Vater und gab sie in ein Kloster in Franken. Dort empfing Ottilie mit
15 Jahren die heilige Taufe. Bei dieser heiligen Handlung wurde sie
plötzlich wieder sehend. Der jetzt versöhnte Vater schenkte
später seiner Tochter die Burg Hohenburg, in der sie ein Kloster
errichtete. Bald nach dem Tode der Heiligen im Jahre 760 setzte die
Verehrung als Augen- oder Blindenheilige ein.
Das Innere der Wallfahrtskirche:
Der Hauptaltar stammt aus der Bauzeit. Im Altarbild
ist die heilige Ottilie vor dem Kreuz zu sehen.
Sie betet für ihren unseligen Vater, dass er aus
dem Fegefeuer errettet werden möge. Auf dem Altartisch stehen zwei
Halbfiguren: Rechts die hl. Klara und links die hl. Katharina. Im Aufzug
des Hochaltars erblickt man eine Statue des hl. Leonhards, des Viehpatrons
und links davon den hl. Wolfgang, sowie rechts den hl. Nikolaus.
Schon beim Betreten der Kirche fällt einem ein
seltenes, kostbares Kunstwerk ins Auge, die Rosenkranzmadonna. Der Hauptaltar
wird von den Aposteln Paulus (mit Schwert) und Andreas (Andreaskreuz)
flankiert. Beide Figuren sind annähernd lebensgroß.
Die Seitenaltäre: Das Altarbild des rechten Seitenaltars
zeigt den hl. Franz von Sales, Bischof v. Genf - Heiliger der Sanftmut.
Gegenüber ist der hl. Josef als Ziehvater Jesu dargestellt. Im
Aufzug der hl. Johannes v. Nepomuk bzw. der hl. Vitus. Die kostbare
Kanzel stammt aus der Rokokozeit, um etwa 1750. Obenauf erkennt man
den hl. Paulus.
Rechts hinten ist der hl. Sebastian dargestellt.
Interessant sind die Bilder der vier Evangelisten unter
der Orgelempore: Markus mit dem Löwen, Matthäus mit dem Engel,
Lukas mit dem Stier und Johannes mit dem Adler.

Zu den Wallfahrten:
Zur Kirchweih am Sonntag nach Mariä Geburt kamen
bis Ende der sechziger Jahre noch hunderte von Pilgern. Der "Haunersdorfer
Kirta" war ähnlich wie die Loher Kirchweih in ganz Niederbayern
bekannt. Zu diesem Tag wurde die Kirche 1784 von Papst Pius VI. mit
einem vollkommenen Ablass begnadigt. Früher fanden in den Sommermonaten
mehrere Wallfahrten aus ganz Niederbayern statt. Augenleidende suchten
Fürbitte und Hilfe bei der hl. Ottilie. Vor allem aus Wallersdorf
und Umgebung pilgerten Gläubige alljährlich nach Haunersdorf.
Die Votivgaben (geschnitzte Augen) und Votivbilder an der Südseite
des Altarraums zeugen davon. Leider finden derzeit keine Wallfahrten
mehr statt, was sicher wie anderswo auf den schwindenden Glauben und
den Fortschritt der Medizin zurückzuführen ist.
Haunersdorf ist am besten über die Kreisstraße
von Plattling über Otzing zu erreichen, als Wanderziel weniger
geeignet.
Literatur: Michael Westerholz, Chronik der Gemeinde Otzing,
1980